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Heilende Klänge

Lilli Bräm-Leemann | Ausgabe 12 - 2008

Mit der Musik des eigenen Gehirns lassen sich Migräne, Traumatisierungen und andere psychosomatische Störungen lindern. Die Anerkennung für die Psychophonie nimmt zu.

Migräne heute, Spannungskopfweh gestern, eines der beiden morgen und so die ganze Zeit: Das bestimmte jahrzehntelang Hans Tanners* Lebensqualität. Zwar handelte es sich gemäss ärztlicher Diagnose um Migräneattacken mittlerer Stärke, aber im Beruf, überhaupt bei jeglicher geistigen Tätigkeit fühlte er sich häufig eingeschränkt.

Seit sieben Jahren nun hört er sich stets dreimal täglich seine Psychophonie-CD an, zu Hause und in den Ferien. Alle drei bis vier Jahre lässt er sich ein neues Elektroenzephalogramm (EEG) und daraus eine neue «Hirnmusik» anfertigen. Seither geht es ihm wesentlich besser als vorher, als er mehrere Male pro Woche auf spezifische Migränemittel angewiesen war.

Die Beschwerden begannen bei ihm mit zwölf Jahren. Die Migränetendenz könnte sowohl von der Mutter geerbt sein als auch von einem schweren Sturz im Kindesalter herrühren. Oder beides. Seine Therapiebiographie ist lang und umfangreich. Nichts wirkte nachhaltig, bis ihm die Winterthurer Ärztin Eva Maria Dinkel die Psychofonie empfahl. Diese wirkte sich bereits nach ein bis zwei Monaten günstig aus; heute lebt Tanner ohne Migränemedikamente.

Frauen sind offener

Anna* war da skeptischer. Ihre Tochter hatte sie zur Psychophonie geschickt. Nach all den versuchten Therapien hatte sie die Hoffnung auf Besserung ihres Kopfwehs, unter dem sie seit Jahrzehnten häufig litt, verloren. Zumal sie bei einem Velounfall noch ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte. Sie war schwer depressiv, dachte sogar an Suizid. Nach drei Wochen regelmässigen Hörens ihrer Hirnströme betrat eine strahlende Patientin Eva Dinkels Praxis. «Und dieser erfreuliche Zustand hält seit einem Jahr an», notiert die Ärztin.

Die schulmedizinisch ausgebildete Ärztin praktiziert heute ausschliesslich auf der Basis der Naturheilmedizin. Aber immer klärt sie ihre Patienten vor einer Therapieempfehlung schulmedizinisch ab. «Komplementär- und Schulmedizin sind für mich ein Nebeneinander, ein Sowohl-als-auch», erklärt Dinkel ihren Standpunkt. Ihr besonderes Interesse gilt den subtilen Vorgängen im Körper, unter anderem den Störungen im vegetativen Nervensystem, in der Reizleitung und -übertragung. Auf diesen Ebenen sieht sie etliche Ansatzmöglichkeiten für differenzierte Eingriffe und Korrekturen. Wenn sie dann aufgrund einer Krankenvorgeschichte die Psychophonie vorschlägt, findet sie, vor allem bei den Frauen, die öfter an Migräne leiden als Männer, häufig grosse Offenheit gegenüber dieser noch wenig bekannten Therapie.

Aus Hirnströmen wird Musik

Die Psychophonie-Methode beruht auf der Zusammenarbeit des Patienten mit einem technisch dafür ausgerüsteten Arzt und dem ETH-Physiker Bruno Fricker. Fricker wandte sich bereits während seines Studiums der Neurologie zu und interessierte sich dort vor allem für Hirnströme. So lernte er den deutschen Psychiater und Neurologen Hans-Georg Trzopek kennen, den Spiritus Rector
der Psychophonie, der entsprechende Forschungsergebnisse aus der russischen Raumfahrtsmedizin weiterentwickelt hat. Die Russen wandten Psychophonie zur Stabilisierung des vegetativen Nervensystems ihrer Kosmonauten an. Die Methode ist seither von Trzopek und schliesslich von Fricker auf den gegenwärtigen Stand weiterentwickelt worden.

Am Anfang einer Psychophoniebehandlung stehen die Hirnströme des Patienten, die vom Arzt mittels vereinfachten EEGs aufgezeichnet werden. Vereinfacht deshalb, weil dabei nur vier Elektroden am Kopf angesetzt werden. Dabei entstehen vier voneinander unabhängige und unregelmässig verlaufende Kurven. Aus diesen filtert Fricker Schwingungen bestimmter Wellenlängen heraus, sogenannte Theta- und Betawellen, und wandelt sie nach einer mathematischen Formel in ein Klangmuster um. «Wichtig dabei ist, dass ein labiles Gleichgewicht zwischen Theta- und Betawellen entsteht», sagt Fricker. «Es ist verantwortlich für den Energiezustand und die Wachheit des Gehirns.»

Diese Theorie muss den Patienten nicht weiter kümmern. Was er schliesslich in die Hand bekommt, ist eine CD mit einer Klangfolge der Hirnströme, die von Fricker elektronisch in Klavier, Gitarre- oder Synthesizerklänge umgewandelt wurden: die Musik des eigenen Gehirns. Sie ist fortan das Heilmittel für den Patienten. «Je gesünder und wohler sich jemand bei der Aufzeichnung der Hirnströme fühlt, desto positiver die Stimmung, die in die Hirnmusik einfliesst», erklärt Fricker. Die Hirnmusik soll sich der Patient während mindestens dreier Monate dreimal täglich mit Kopfhörern und möglichst in Ruhe anhören, vor allem vor dem Aufstehen und abends vor dem Schlafen.

Linderung von Migräne

Und was macht das Gehirn mit dieser seiner ureigenen Musik? Mit der Transformation seiner eigenen Schwingungen soll das vegetative Nervensystem laut den Psychophonie-Experten im Hirnstamm Informationen seiner normalen oder guten Befindlichkeit erhalten. Das vegetative System regelt und überwacht die Atmung, Durchblutung, Körpertemperatur, den Puls und weitere Regelkreise des Körpers. Beim gesunden Menschen besitzt es eine gewisse Anpassungs- und Ausgleichsfähigkeit. Bei manchen vegetativen Störungen, unter anderem bei Migräne oder bei unverarbeiteten seelischen Traumata, ist diese Elastizität reduziert und da soll die Psychophonie einen Ausgleich mittels der geschilderten Theta-Beta-Balance erleichtern. Dabei soll sich das Gehirn eine positive Befindlichkeit aneignen – ein Appell an das Lernverhalten.

Und offenbar wirkt es. In einer zehnjährigen Psychophonie-Studie mit Migränepatienten hat sich bei den meisten Teilnehmern eine mehr oder weniger starke Besserung ihrer Symptome eingestellt, wenn sie nicht sogar ganz verschwunden sind.

Der Winterthurer Arzt Markus Fischer setzt Psychophonie vor allem dort ein, wo Blockaden am Übergang von seelischem und körperlichem Erleben liegen. Der frühere Internist wandte sich vor Jahren der Psychiatrie zu und spezialisierte sich auf Körperpsychotherapie. Ausser Migränepatienten, die ihn vor allem von der Webseite des Psychophonie-Forums kennen, hat er auch schon verschiedentlich traumatisierte Personen behandelt.

Traumatisiert heisst, dass irgendwann irgendein psychischer Stress nicht richtig verarbeitet wurde, sich auf das vegetative Nervensystem niederschlug und auch körperliche Symptome auslösen kann. Der Grund können Kriegserlebnisse sein oder – bei uns häufiger – Verkehrsunfälle sowie unverarbeitete Verletzungen der Psyche durch familiäre oder berufliche Probleme, sexuelle oder andere Gewalt, Scheidungen oder auch ein nicht verarbeiteter Todesfall im engen Umfeld.

Bei Scheidungen können sowohl die Partner als auch die Kinder solche Verletzungen mit sich weiter tragen, wenn ihnen niemand hilft, die Geschehnisse zu verarbeiten oder wenn sie sich der Verarbeitung selbst verschliessen.

Musik baut Spannungen ab

Wenn Trauer, Wut oder Verlassenheit nicht ausgelebt und aufgearbeitet werden, weil das vegetative Nervensystem überfordert ist, kann dies zu Resignation, Angstzuständen oder zu Veränderungen des Denkens und Fühlens, im schlimmsten Fall zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen – ungeachtet äusserlich scheinbarer Ruhe und Gefasstheit. Die «Energie» bleibt stecken. Gelingt es dem Traumatisierten, diese Last nachträglich zu verarbeiten und dadurch sein Trauma abzubauen, kann er aus dem Dauerzustand erhöhter Spannung herunterkommen.

Oft geht dies aber nur mit Hilfe von aussen. Da kann Psychophonie helfen, indem sie in das Fühlen, Reagieren und Handeln eingreift und das Entstehen neuer neuronaler Verbindungen im Gehirn und heilender Reaktionsweisen unterstützt. Dabei setzt sie am genau gleichen Ort an wie Beruhigungs- und Schlafmittel, aber sie tut es nachhaltiger und ohne Nebenwirkungen.

Auch Simon Otth hat die Psychophonie in seinem therapeutischen Repertoire. Der Horgener Arzt behandelt damit Stresssymptome, Kopfweh, Probleme mit der Schmerzverarbeitung, Schlafstörungen und sonstige vegetative Störungen. Ein Patient hört sich beispielsweise seine Hirnmusik wegen eines Schleudertraumas seit drei Jahren an. Die Psychophonie könne nur bei einer positiven Erwartung an sie überhaupt greifen, sagt Otth. Ergänzende Schmerzmittel sind bei ihm daher wie auch bei anderen Ärzten erlaubt. Häufig führe die Behandlung mittels einer einzigen Methode eben nicht zu voll-ständiger Besserung, sagt er.

* Namen geändert

Internet
www.psychofonie.ch
Literatur
• Fricker Bruno und Tereh: «Psychofonie – Die heilkräftige Klangquelle in meinem Kopf», Books on Demand GmbH 2003, Fr. 54.90

Tags (Stichworte): GehirnHirnmusikMigränePsychophonieTraumatisierungen

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