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Jäger und Gejagter

Peter Jaeggi | Ausgabe 12 - 2009

In Indien kämpft der Tiger ums Überleben. Aber auch den Ureinwohnern, die in den Tigerreservaten leben, geht es an die Existenz. Sie werden aus den Naturschutzgebieten vertrieben.

Für Schlagzeilen sorgte 2005 der Sariska-Nationalpark in Rajastan. Stets behaupteten die Behörden, es lebten 15 bis 18 Tiger in dieser über 800 Quadratkilometer grossen Schutzzone, die nur etwa sechs Autostunden von der Hauptstadt Delhi entfernt liegt. Bis sich herausstellte: Kein einziger ist mehr dort. Ende Dezember 2008 berichtete die Hindustan Times, dass auch im Panna-Reservat in Madhya Pradesh kein Tiger mehr zu finden sei. In den Statistiken tauchten 24 auf.

Die Gründe für das Verschwinden sind vielfältig. Gefälschte Statistiken und Wilderei sind zwei davon. Tiger sind heiss begehrte Opfer von Wilderern, die vor allem den chinesischen Medizinalmarkt bedienen. Laut Traffic India, der Organisation, die den Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten kontrolliert, werden in Indien jährlich um die 70 Tiger gewildert.

Die Naturschutzorganisation Wildlife Trust of India (WTI) weist auf politische Hintergründe hin. WTI-Direktor Vivek Menon: «Der Tiger ist unser Nationaltier und das Herzstück desindischen Wildtierschutzes, aller Augen sind auf ihn gerichtet. Jeder Nationalparkdirektor möchte deshalb mehr Tiger in seinem Revier haben, als sein Kollege. Da half mancher Beamte bei den Zahlen etwas nach.»



Tiger sind aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der jährlich Hunderttausende von Touristen in die Reviere der Grosskatzen bringt. So setzt nun die zuständige Forstbehörde alles daran, den Sariska-Nationalpark wieder zu bevölkern. Kürzlich wurde ein Tigerpärchen in dieses Schutzgebiet eingeflogen.

Das Verschwinden der Tiger aus dem Sariska-Park hat aber noch andere Hintergründe. Vermutlich gab es dort gar nie 15 bis 18 Tiere, wie behauptet wurde. «Bis vor kurzem wurden nur die Fussspuren gezählt», sagt Rajesh Gopal von der nationalen Tigerschutzbehörde. «Tigerspuren lassen sich aber oft nicht eindeutig auseinanderhalten und Tiere wurden nicht selten doppelt gezählt.» Deswegen gab es letztes Jahr einen weiteren Tigerskandal. Präzisere Zählungen mit Kamerafallen zeigten, dass es im Land nicht wie allgemein angenommen rund 4000 Tiger gibt, sondern nur noch 1411. Indiens Regierungschef Manmohan Singh sprach angesichts der arg geschrumpften Zahl von einer nationalen Tigerkrise und machte einmal mehr den Tigerschutz zur Chefsache, wie einst Indira Gandhi.

Koloniales Jagdvergnügen
Indien beherbergt zirka 30 Prozent des weltweiten Tigerbestandes. Auf dem Subkontinent ist der Bengalische Königstiger zu Hause. Nach dem Sibirischen Tiger ist er die zweitgrösste Tigerart und wird bis 1,40 Meter lang und 120 Kilogramm schwer. Der Einzelgänger markiert sein Revier von bis 50 Quadratkilometer mit Urin, Kot und Kratzspuren. Die Jungen bleiben etwa zwei Jahre bei ihren Müttern. Vor allem zum sportlichen Vergnügen der britischen Kolonialherren wurden zwischen 1800 und 1950 in Indien über 160 000 Tiger erlegt. Etwa gleich viele starben vermutlich auf der Flucht an Verletzungen durch Schusswunden. Erst 1970 wurde die Tigerjagd verboten.

Umgesiedelte Ureinwohner

Strohbedeckte Lehmhäuser, meckernde Ziegen, Rinder, spielende Kinder, am Dorfrand ein kleiner idyllischer See, der dieser Siedlung den Namen gibt: Pilpani, Gelbes Wasser. Mitten im Sariska-Nationalpark gelegen, wohnen hier 200 Adivasi. Bald sollen diese Ureinwohner umgesiedelt werden. Pilpani ist eines von elf Dörfern, die aus dem Park verschwinden müssen. Die Bewohner sollen nun etwa 100 Kilometer ausserhalb des Parks in ein neu gebautes Dorf ziehen. Dort gibt es wenigstens eine Schule.

Erschütterndes ist in einem anderen Tigerschutzgebiet zu vernehmen – im kleinen Dorf Ekta Navalpur im Kanha-Nationalpark, Madhya Pradesh. Hier leben Angehörige des Baiga Stammes. Diese Ureinwohner wurden bereits zweimal vertrieben. Der Bauer Kartika Ram berichtet von seinem ersten unfreiwilligen Exodus: «Im Dorf, in dem ich geboren wurde, tauchte eines Tages ein Forstbeamter auf und erzählte uns, diese Region sei nun Teil des Kanha-Nationalparks, deshalb würden wir Probleme bekommen. Es sei besser, wenn wir das Dorf verliessen. Wir bekamen Angst und zogen fort.» Als im zweiten Dorf Forstbeamte einige Leute verprügelten, die in der Schutzzone holzen gingen, kam die Angst erneut und man zog wieder weiter.

Es sind Gejagte mit verlorener Heimat. Denn wohin sie gehen sollen, das habe ihnen niemand sagen können, erzählt Kartika Ram. Schliesslich besetzten die landlosen Baiga auf Anraten der Menschenrechtsorganisation Ekta Parishad in Ekta Navalpur auf gewaltlose Art ungenutztes, staatliches Landwirtschaftsland. Die Organisation versucht nun die Landrechte zu erwerben.

Endstation Slum

Was mit den umgesiedelten Menschen geschieht, erzählt Anil Gupta, Sozialarbeiter bei Ekta Parishad: «Am Ende landen viele als sozial völlig Entwurzelte in den Slums der Grossstädte. Dort schlafen sie auf der Strasse, verdingen sich für einen lausigen Lohn als Rikschafahrer.» Laut Anil Gupta zeigt eine Studie, dass nur etwa 20 bis 40 Prozent der Umgesiedelten die versprochene Million Rupien bekommen. Der Rest gehe leer aus.

Auf die Frage, ob Mensch und Tiger nicht wie Jahrzehnte und Jahrhunderte zuvor in denselben Gebieten zusammenleben könnten, sagt Rajesh Gopal von der nationalen Tigerschutzbehörde: «Ein Zusammenleben in der Kernzone eines Tigerschutzgebietes ist unter keinen Umständen möglich.» Sujoy Banerjee, Artenschutzdirektor des WWF Indien, ergänzt: «Das Argument, dass Mensch und Tiger schon sehr lange zusammenleben, hört man oft. Man vergisst aber, dass die Situation heute völlig anders ist.» Früher seien die Siedlungen sehr klein gewesen und Holz fürs Kochen und Futter fürs Vieh sei höchstens im Umkreis von einem Kilometer gesammelt worden. Heute hingegen seien die Dörfer viel grösser und die Leute müssen jetzt bis zu zehn Kilometer weit in die Wälder dringen, um das Nötige zu finden. «Es ist belegt, dass sich Tiger stark fortpflanzen, wenn sie Ruhe haben. Werden sie gestört und ist der Druck zu gross, wird es keine Tigerbabys mehr geben.»

Überleben in den Mangroven

Kali Pada Mondal wohnt auf einer kleinen Insel in den Sunderbans im Dorf Pakhirla. Hier, 70 Kilometer südlich der Millionenstadt Kalkutta, wächst der grösste Mangrovengürtel der Erde. In den Sunderbans, dort, wo die Ströme Ganges, Brahmaputra und Meghna in den Golf von Bengalen fliessen, leben schätzungsweise zwischen 200 und 600 Bengalische Königstiger. Es sind weltweit die einzigen Tiger, die in einem Mangrovenwald leben. Doch die Zahlen sind aus der Luft gegriffen. Eine Zählung gab es nie.

Die Tiere kämpfen mit schwierigen Umweltbedingungen. Zweimal im Tag überfluten die Gezeiten weite Teile der Wälder. Der Boden besteht aus knietiefem Schlamm und Lehm. Luftwurzeln der Mangroven bilden auf der Nahrungssuche zusätzliche Hürden. Nur schwer kommt der Tiger auf diesem Gelände an seine Beutetiere heran. Deshalb fängt er hier auch Fische und schwimmt so viel, wie kein anderer seiner Artgenossen in anderen Gegenden der Welt.

Diese widrigen Lebensumstände dürften der Hauptgrund sein, weshalb Sunderbans-Tiger ab und zu auch einen Menschen anfallen. «Tiger sind grundsätzlich keine Menschenfresser», sagt Biswajit Roy Chowdhury, Gründer der Umweltorganisation «ature Environment and Wildlife Society (News). Man müsse da eher von Unfällen reden. Der Mangrovenwald sei das Revier des Tigers und nicht des Menschen. «Menschen gehen ja auch nicht in einen Zoo und dringen ins Gehege eines Tigers ein», so Chowdhury.

Gefürchtet und verehrt

Um die Menschen vor dem Tiger zu schützen – und umgekehrt – bietet News zusammen mit anderen Organisationen und dem Staat den Dorfbewohnern alternative Verdienstmöglichkeiten an, damit sie für ihren Lebensunterhalt nicht mehr in die unsicheren Wälder müssen. Dazu gehören die Fisch- und Garnelenzucht sowie Mangroven-Anpflanzungsprogramme. Denn imUnesco-Naturwelterbe stirbt der Wald. «Wegen des Klimawandels steigt der Meeresspiegel seit Jahren an und bringt das Meerwasser immer tiefer in den Wald», sagt Chowdhury. Dies habe gewisse Mangrovenarten zum Absterben gebracht. Eine Wiederaufforstung sei auch wichtig zum Schutz der Menschen, denn Mangroven können vor Flutwellen schützen.

«Es ist uns in den letzten Jahrzehnten gelungen, Indiens Elefantenpopulation zu vergrössern und es gibt keinen Grund, dass dasselbe nicht auch mit dem Tiger gelingen soll», sagt etwa S. C. Dey, einer von Indiens prominentesten Tigerexperten. Er leitet in Delhi das Global Tiger Forum, die Koordinationsstelle für den weltweiten Tigerschutz. «Es geht jetzt vor allem darum, den politischen Willen für den Tigerschutz zu mobilisieren und die Leute aufzuklären, damit sie gewisse Einschränkungen in Kauf nehmen.»

Auch WTI-Direktor Vivek Menon ist davon überzeugt, dass der Tiger in Indien eine Zukunft hat. Das Tier sei vergleichsweise recht anspruchslos und könne häufig auch unter widrigen Umständen überleben. «Trotzdem glaube ich, dass der Tiger an den meisten Orten Indiens aussterben wird, wenn wir nicht schnell genug handeln. Wir würden es aber niemals zulassen, dass er ganz ausstirbt», sagt Menon.

Foto: fotolia.com

Tags (Stichworte): IndienNaturschutzgebietReservatTigerUreinwohner

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