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carte blanche
«S Göld regiät»

Thomas Widmer | Ausgabe 02 - 2010

Im 18. Jahrhundert war die Welt noch in Ordnung, findet Wanderfundamentalist Thomas Widmer – jedenfalls, was das Problem der zubetonierten Landschaften angeht.

Kürzlich reiste ich zwecks Winterwanderung von Zürich via Luzern nach Stans und weiter nach Emmetten. Dabei wurde ich kurz mal depressiv. Die Zentralschweiz ist die wohl schönste, weil mit äusserster Raffinesse komponierte Landschaft der Schweiz. Die Berge von Rigi und Rigi-Hochflue über Stanserhorn bis Pilatus sind allesamt nicht seelenlose Felsgebilde – es sind Persönlichkeiten mit Gesicht, Kraft, Ausstrahlung. Und der Vierwaldstätter See ist schlicht grossartig, wie er in alle Richtungen gleichzeitig seine Arme ausstreckt und seine Riesen umfängt.

Bloss, dieses von einem genialen Dramaturgen entworfene Terrain ist im Rahmen seiner Besiedlung auch zersiedelt worden. Immer neue Modernüberbauungen wuchern die Hänge hinauf, und es waltet ein postmoderner Mix aus Drive-ins, Industriezonen und Autogaragen, von dem man vermutet, dass da weniger geplant als vielmehr drauflos betoniert wurde.

Ich verstehe das nicht: Da hat man eine Landschaft vom Feinsten. Aber gleichzeitig geht man so lieblos mit diesem Schatz um.

Klingt das nun peinvoll romantisch? Vermutlich. Kein Problem, ich gebe alles zu: Ich bin ein Fundamentalist, ein Naivling, ein Schwätzer, der nicht berücksichtigt, dass eine Gemeinde halt auch Steuereinnahmen braucht, also zahlkräftige Leute, die aber wiederum nur kommen, wenn man ihnen anständige Wohngelegenheiten bietet.

Geschenkt, geschenkt – und gleich weiter mit dem Argument, denn einen Nostalgiker wie mich stoppt man nicht so leicht: Wenn es jene Zeitmaschine gäbe, die man ab und zu in Filmen sieht, dann würde ich mir eine Reise ins 18. Jahrhundert wünschen. Nur für einen Tag. Und selbstverständlich gehe ich davon aus, dass sich mir nicht ausgerechnet an jenem Tag der Blinddarm entzünden und bersten würde (es lebe das moderne Akutspital). Nein, kerngesund wäre ich, würde das Buochserhorn erklimmen und hinabblicken auf eine mehr oder minder intakte Landschaft. In ihr würde ich das Auge schwelgen lassen, den ganzen Tag.

Und damit weg von der Zentralschweiz. Sie ist ja kein Einzelfall, auch wenn sie wirklich so überschön ist, dass ihre Verschandelung besonders schmerzt. Viele andere Regionen der Schweiz haben dasselbe Problem. Muss es zum Beispiel wirklich sein, dass derso charmant umhügelte Talkessel des Innerrhoder Hauptortes Appenzell von Jahr zu Jahr mehr zugestellt und vermöbliert wird?

Kürzlich traf ich auf dem Kronberg einen Innerrhödler, einen schweren Mann mit behaarten Unterarmen, Handwerker von Beruf. Ich lenkte das Gespräch schon bald auf obiges Thema, weil es mir am Herzen liegt. Ich brachte also die Exzesse des Tourismus ins Spiel und beklagte, dass der wunderschöne Alpstein ja nur noch bei schlechtem Wetter begehbar sei, wohingegen er sich bei Sonnenschein in ein Irrenhaus verwandle. Nachdem ich schliesslich beim Bauboom zu Appenzell angelangt war und erwartete, dass mir mein Gegenüber gleich eine Kopfnuss verpassen würde, weil Innerrhödler auf Ausserrhödler Anfechtungen generell gereizt reagieren – in dieser Situation sagte der Innerrhödler ebenso trocken wie träf: «Jo, hescht recht. S Göld regiät ond söss gää nünt.»

Zur Person
Thomas Widmer, 48, ist Reporter beim «Tages-Anzeiger» in Zürich und schreibt dort die Wanderkolumne «Zu Fuss». Diesen Frühling erscheint sein dritter Wanderführer. Mehr unter www.echtzeit.ch



Fotos: Ai©ce / flickr / cc, creative location / flickr / cc

Tags (Stichworte): BesiedlungBetonZentralschweiz

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