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Die Sache mit der Konsequenz

Markus Kellenberger | Montag, 31.03.2008

Als Natürlich-Redaktor ist mir klar: Ernährung hat gesund zu sein. Ausgewogen. Möglichst natürlich. Vitaminreich. Politisch korrekt und klimatisch neutral. Fair
von A bis Z. Am besten direkt vom Hof. Frisch, frisch, noch frischer.

Ganz besonders gilt das alles für meine Kinder. Die sollen so unverdorben wie nur möglich aufwachsen. Und natürlich gesund. Und sich schon früh dessen bewusst sein. Und jetzt sagen Sie mir: Warum bin ich heute – nachdem ich die Reste vom Zmorge entsorgt, das Bad geputzt, die Stube aufgeräumt, den Küchenboden feucht aufgenommen und die herumliegenden Kleider nach dem Grad der Verschmutzung sortiert habe – einfach die dreihundert Meter zum Coop geradelt, habe dort für jeden ein fettig gegrilltes Hühnerbein, einen Sack Ofenfrites und einen Fixundfertigsalat gekauft?

Wie konsequent muss ein Teilzeit-Hausmann, respektive Hausfrau sein? Und: Komme ich nun in die Hölle, weil ich zu all dem Junkfood unter dem tosenden Applaus der Jung-mannschaft auch noch gleich eine grosse Flasche Denner-Cola spendiert habe? Bitte sagen Sie es mir! Und sagen Sie mir bitte auch, dass ich nicht der einzige bin, bei dem sich Wunsch  und Realität oft gar nicht deckt.

Bilder: © berwis, Paul-Georg Meister / PIXELIO

2 Kommentar(e) Tags (Stichworte): ErnährungGesundheitJunkfood

Statistisch gesehen

Markus Kellenberger | Dienstag, 25.03.2008

Durchschnittlich gibt jeder männliche Schweizer, meine noch vorpupertären Söhne inbegriffen, pro Jahr tausend Franken für Sex aus. Das sagt die Statistik – und jetzt weiss ich wenigstens, wohin das wöchent-liche Sackgeld fliesst. Bisher ging ich davon aus, dass es in Pokemon-Karten investiert wurde.

Statistik ist etwas Beruhigendes. Da offenbart sich nicht nur das bis anhin unbekannte Freizeitverhalten unserer Kinder, sondern man erfährt auch, ob man durchschnittlich gross, durch- schnittlich dick, durchschnittlich intelligent oder überhaupt durchschnittlich ist. Solches zu wissen ist höchst beruhigend – vor allem, wenn man dank der verschiedensten Statistiken dann auch noch erfährt, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung für überdurchschnittlich hält.

Und wie halten Sie es mit der Statistik? Sind Sie überdurchschnittlich – oder zählen Sie sich nicht zur Mehrheit?

Bild: © S. Hofschlaeger / PIXELIO

2 Kommentar(e) Tags (Stichworte): BevölkerungStatistik

Wie macht’s der Ospel?

Markus Kellenberger | Dienstag, 18.03.2008

Ich brüte über meiner Steuererklärung. Immerhin eine Angelegenheit von, sagen wir, zwei Stunden. Als Angestellter muss ich penibel die Zahlen auf meinem Lohnausweis in die entsprechenden Spalten der Steuerformulare übertragen. Ist das geschafft, überlege ich mir, ob ich bei den Abzügen ein bisschen schummeln und die Spende an die Caritas von  Fr. 100.- gegenüber dem Fiskus frech auf 200 verdoppeln soll. Vielleicht merkt‘s ja keiner!

 

Beim Ausbrüten dieses finsteren Planes gleiten meine Gedanken ein wenig ab. Wie, überlege ich mir, macht das wohl der Marcel Ospel? Setzt er die 40 Milliarden, die er und seine Superbanker in den Sand gesetzt haben, ehrlich von den Steuern ab – oder verdoppelt er sie und hofft, dass es keiner merkt?

Bild: © manwalk / PIXELIO

1 Kommentar(e) Tags (Stichworte): AbzügeOspelSteuern

Der heilige Henry

Markus Kellenberger | Donnerstag, 13.03.2008

Wer Zeuge eines Wunders werden will, braucht nicht mehr bis nach Lourdes zu pilgern, ein Ausflug nach Genf reicht. Dort können sich Gläubige mit dem ihnen eigenen verklärten Blick selber davon überzeugen, wie die Automobilindustrie über Nacht ganz grün geworden ist.

 

Aus dem Vatikan wird verlautet, dass sich der Papst überlege, Mercedessterne und Ferrari-Embleme in seine private Reliquiensammlung aufzunehmen. Zudem wird immer wahrscheinlicher, dass Henry Ford, der Erfinder des Fliessbandautos, noch in diesem Jahrzehnt heilig gesprochen wird. Ich warte gespannt – und überlege mir bis dahin, ob das Vaterunser nicht besser in VWunser umbenannt werden soll.

 

Ich bitte um weitere Vorschläge, wie und in welcher Form wir das Goldene Kalb der Gegenwart artgerecht anbeten können.

 

Bild: © Jens Schöninger / PIXELIO

 

 


Die Würde zu leben

Markus Kellenberger | Montag, 10.03.2008

Ein Nachbar sei gestorben, hörte ich kürzlich – und stellte fest: Nichts davon bemerkt. Ich kannte den Mann im Leben nicht, geschweige denn im Tod. Bei näherem Nachdenken allerdings kam mir in den Sinn, irgendwann mal im Quartier einen dezent dunkelgrauen Mercedes-Kombi mit blickdicht getönten Scheiben wahrgenommen zu haben. Das wars – und jetzt schäme ich mich ein bisschen. Dass wir unsere Nachbarn nicht mehr kennen, ist mittlerweile gesellschaftlicher Standard. Und dass wir unsere Toten so still und leise wie nur möglich aus dem Kreis der noch Lebenden entfernen, ebenfalls.

Ich wuchs in den 60er und 70er Jahren in einem grösseren Dorf auf. Wir kannten unsere Nachbarn – was nicht immer nur lustig war. Wenn einer starb, dann wussten wir das im Voraus. Und wenn es dann soweit war, gingen Frauen von Haus zu Haus, klingelten und überbrachten die Nachricht. Danach, so erlebte ich es, als ein alter Nachbar zwei Häuser weiter seine Augen für immer schloss, herrschte Stille im Quartier.

Als Kind war diese Stille, die unser Spiel dämpfte, mehr als nur eindrücklich. Es war eine Pause im Weltengefüge, die wir bis ins Innerste spürten. Sie bereitete uns auf das lauter werdende Geräusch klappernder Hufe vor, wenn sich der Leichenwagen näherte. Grosse, eisenbeschlagene Räder, samtschwarze Vorhänge und ein schwarz gekleideter Mann auf dem Kutschbock. Das Pferd geschmückt mit ebenso schwarzem Zaumzeug und auf dem Kopf ein schwarzer Federnbusch. Wie auf ein geheimes Signal strömten Menschen, darunter auch wir, auf unser Strässchen. Wir Kinder drängelten so unauffällig wie möglich nach vorn, um den Grusel zu erleben, wenn der Sarg aus dem Haus getragen und auf den Leichenwagen gehoben wurde. Die leise Lust am Morbiden verging und sofort, als die Witwe aus dem Haus trat. Schwarz wie das Pferd. Das faltige Gesicht wie Stein – und für einen Moment stand alles völlig erstarrt.

Ein leises Schnalzen des Kutschers, und die Welt drehte sich wieder. Der Wagen mit dem Sarg, die Witwe und dahinter die engsten Verwandten setzten sich in Bewegung, während wir, die Quartierbewohner, stumm Spalier standen. Alle, auch wir Kinder, ohne zu Wissen warum, aber die Ernsthaftigkeit des Moments spürend, neigten vor dem Leichenzug die Häupter. Nicht der Tod – das Leben zog an uns vorbei. Und das machte diesen Augenblick, diesen Tag, so einzigartig in meinem Leben.

Und jetzt fragen Sie sich gewiss: Warum schreibt der das alles? Ich weiss nicht genau! Vielleicht, weil wir den Tod so weit wie nur möglich aus unserem modernen Alltag verbannt haben – und weil das die Würde zu leben einfach irgendwie schmälert.

Bild: © Stihl024 / PIXELIO

 

Tags (Stichworte): SterbenTodWürde

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