Ein Nachbar sei gestorben, hörte ich kürzlich – und stellte fest: Nichts davon bemerkt. Ich kannte den Mann im Leben nicht, geschweige denn im Tod. Bei näherem Nachdenken allerdings kam mir in den Sinn, irgendwann mal im Quartier einen dezent dunkelgrauen Mercedes-Kombi mit blickdicht getönten Scheiben wahrgenommen zu haben. Das wars – und jetzt schäme ich mich ein bisschen. Dass wir unsere Nachbarn nicht mehr kennen, ist mittlerweile gesellschaftlicher Standard. Und dass wir unsere Toten so still und leise wie nur möglich aus dem Kreis der noch Lebenden entfernen, ebenfalls.
Ich wuchs in den 60er und 70er Jahren in einem grösseren Dorf auf. Wir kannten unsere Nachbarn – was nicht immer nur lustig war. Wenn einer starb, dann wussten wir das im Voraus. Und wenn es dann soweit war, gingen Frauen von Haus zu Haus, klingelten und überbrachten die Nachricht. Danach, so erlebte ich es, als ein alter Nachbar zwei Häuser weiter seine Augen für immer schloss, herrschte Stille im Quartier.
Als Kind war diese Stille, die unser Spiel dämpfte, mehr als nur eindrücklich. Es war eine Pause im Weltengefüge, die wir bis ins Innerste spürten. Sie bereitete uns auf das lauter werdende Geräusch klappernder Hufe vor, wenn sich der Leichenwagen näherte. Grosse, eisenbeschlagene Räder, samtschwarze Vorhänge und ein schwarz gekleideter Mann auf dem Kutschbock. Das Pferd geschmückt mit ebenso schwarzem Zaumzeug und auf dem Kopf ein schwarzer Federnbusch. Wie auf ein geheimes Signal strömten Menschen, darunter auch wir, auf unser Strässchen. Wir Kinder drängelten so unauffällig wie möglich nach vorn, um den Grusel zu erleben, wenn der Sarg aus dem Haus getragen und auf den Leichenwagen gehoben wurde. Die leise Lust am Morbiden verging und sofort, als die Witwe aus dem Haus trat. Schwarz wie das Pferd. Das faltige Gesicht wie Stein – und für einen Moment stand alles völlig erstarrt.
Ein leises Schnalzen des Kutschers, und die Welt drehte sich wieder. Der Wagen mit dem Sarg, die Witwe und dahinter die engsten Verwandten setzten sich in Bewegung, während wir, die Quartierbewohner, stumm Spalier standen. Alle, auch wir Kinder, ohne zu Wissen warum, aber die Ernsthaftigkeit des Moments spürend, neigten vor dem Leichenzug die Häupter. Nicht der Tod – das Leben zog an uns vorbei. Und das machte diesen Augenblick, diesen Tag, so einzigartig in meinem Leben.
Und jetzt fragen Sie sich gewiss: Warum schreibt der das alles? Ich weiss nicht genau! Vielleicht, weil wir den Tod so weit wie nur möglich aus unserem modernen Alltag verbannt haben – und weil das die Würde zu leben einfach irgendwie schmälert.
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