Der Grillabend bei Freunden fing gut an: „Das ist unser Hausigel“, stellte die Gastgeberin den Hausigel vor. Der wühlte neben dem Gartentisch unter einem Rhododendron im welken Laub. „Aber“, sagte die Gastgeberin, „er ist ein bisschen krank.“ Ein genauer Blick auf das arme Tier zeigte sofort, was sie mit „ein bisschen krank“ meinte. Graubläulich schimmerten unzählige prallvolle
Wanzenbälger zwischen seinen Stacheln. Grässlich!
Ja geradezu auf den Appetit schlagend.
Wir beschlossen, vor dem Grillen das leidende Vieh zu retten. Und damit Sie bei Ihrer nächsten Grillparty auch gleich loslegen und Ihre Freunde beeindrucken können, hier eine kleine Anleitung zur Aktion
„Rettet den Igel“:
- Machen Sie Gartenhandschuhe sowie eine Katzentransportkiste oder eine adäquat grosse Kartonschachtel bereit. Schauen Sie im Internet unter Stichworten wie „Igel“, „Igelzentrum“ oder „Igelstation“ nach. Empfehlenswert sind Sites wie www.pro-igel.ch, falls es darum geht, ein paar Pflegetipps zu bekommen. Wenn Sie keinen Internetanschluss haben, der Ihnen die nächstgelegene Igelstation aufzeigt, rufen Sie Frau Girlich an (061 831 58 84, 079 652 90 42). Diese Frau (Hallo Frau Girlich, erinnern Sie sich, ich bin der, der sie spätabends wegen dem Zeckenigel um Hilfe gebeten hat) weiss alles über Igel!!! Sie hat uns gleich erklärt, unser Igel habe ein gewaltiges Problem – und gab uns die Adresse des nächstgelegenen Tierarztes, der sich mit Igel auskennt. Das tun nämlich längst nicht alle – und nicht alle öffnen Spätabends ihre Praxis nur wegen einem Igel.
- Wenn Sie nun wissen, wohin mit dem Tier, streifen Sie die Handschuhe über, packen Sie es in die bereitgestellte Kiste und ab die Post.
Nun, wir haben alle vier Notfallpunkte durchgespielt und sind per Velo zehn Minuten später in der Praxis von Bernhard Heiniger in Langenthal angekommen. Der hat uns dort schon erwartet - und ich habe erwartet, dass er den Igel mit einem Wundermittel einsprayt, damit die ekligen Zecken abfallen. Weit gefehlt! Er nahm eine Zeckenzange, drückte mir eine ebensolche in die Hand und befahl mir, mit der Arbeit anzufangen. „Packen, und unter leichtem hin- und herdrehen ziehen!“ Wäh! Pfui! Fast 70 der grässlichen Parasiten pflückten wir dem Igel von der Haut. Der motzte und grunzte ununterbrochen, zeigte keinen Anflug von Dankbarkeit und blieb stur zusammengekugelt.
Zum Abschluss gabs ein Medikament gegen Parasitenbefall direkt auf die Igelhaut appliziert, dazu noch zwei Büchsen Diätfutter, um den halb blutleeren Stachelfritzen wieder aufzupäppeln und eine Rechnung über lächerliche 32 Franken. „Bei Wildtieren verlange ich nur die Kosten für Medikamente“, sagte Tierarzt Heiniger“, und ein bisschen Mundzumund-Propaganda!“. Ein Tierfreund, der es verdient hat, auf seiner Homepage www.gelbepfote.ch näher bestaunt zu werden (lieber Bernhard – beim fröhlichen Zeckenpflücken kommt man sich nahe - damit hätte ich den Teil mit der Propaganda wohl erfüllt).
An dieser Stelle möchte ich auch noch speziell hervorheben, dass Tierarzt Heiniger die in einer Plastikwanne krabbelnden furchtbar unsympathischen Zecken tiergerecht erst mit einer alkoholhaltigen Lösung betäubte, bevor...
Zurück an der Grillparty bekam Igelfritze sein Diätfutter, wir die Schweinsrippli und als Dreingabe für die gute Tat das Gefühl tiefen Seelenfriedens.
Nun hoffe ich, dass diese Geschichte all jene Leserinnen und Leser ein klitzekleines bisschen versöhnlich stimmt, die uns die Geschichte „Wild auf Wild“ in der aktuellen Ausgabe von „Natürlich“ übel genommen haben, weil sie jegliche Form von Fleischkonsum und somit auch Artikel zu diesem Thema aus verständlichen Gründen verwerflich finden – immerhin haben wir zwar ein Nutztier gegessen, dafür aber ein Wildtier gerettet. Irgendwie geht diese Rechnung doch auf. Oder?
Bild: © Sandra Krumme / PIXELIO