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Platzhirsche

Andres Jordi | Mittwoch, 03.02.2010

Der Kluge reist im Zuge, heisst es so schön. Ich muss gestehen, dass diese Losung meinem Ego ein bisschen schmeichelt und mich mitunter zu einem überzeugten Zugfahrer macht. Doch was einem Automobilisten all die Trottel, die nicht Auto fahren können – mir wurde letzthin zugetragen, dass es sich dabei überdurchschnittlich oft um Mobility-Fahrer handeln soll, was ich aber nicht bestätigen kann – oder jene, die meinen, dass sie ausserhalb der Verkehrsregeln agierten könnten, sind mir die Platzhirsche im Zug.

Es gibt zwei Sorten davon. Dazu je ein repräsentatives Fallbeispiel aus der Praxis. Nummer eins: Ich fragte den älteren Mann, der mit seiner ausladenden Sitzhaltung ein Viererabteil alleine ausfüllte, höflich, ob hier noch frei sei. Er knurrte, was ich als Ja interpretierte. Wenn ich nun erwartet hatte, dass der freundliche Mitmensch ein bisschen zur Seite rücken würde, hatte ich mich getäuscht. Er blieb exakt so sitzen, wie er war, und ich musste mich irgendwie zwischen seine Beine auf den Sitz vis-à-vis zwängen und in äusserst ungemütlicher Position ausharren. Es nützten alle bösen Blicke nichts.

Nummer zwei: Ich sass wohl erzogen auf meinem Platz und freute mich über ein bisschen Ellbogen- und Beinfreiheit. Da pflatschte sich so eine überdimensionierte Bulldogge wie ein Meteorit aus heiterem Himmel und ohne zu fragen neben mich, drückte mich gegen die Scheibe und nahm Siebenachtel der Sitzbank für sich in Anspruch. Anfänglicher Gegendruck und Geräusper meinerseits führten natürlich zu keiner Verbesserung der beklemmenden Situation, so dass ich mich mit der illusorischen Hoffnung, wenigstens ein bisschen Individualdistanz wieder herzustellen, weiter verdünnisierte.

Was kann man da machen? Ich weiss, es wäre Zivilcourage gefragt, da arbeite ich dran. Hilft vielleicht das aktuelle Kursbuch unseres obersten Zugführers weiter? Immerhin hat Herr Leuenberger Erfahrung mit Zugfahren und ich nehme an, die Platzhirsche gibt es auch in der ersten Klasse – allerdings auch mehr Platz. Einstweilen sage ich mir: Der Tolle ist der Rücksichtsvolle.

Fotos: marfis75 / flickr / cc, Kecko / flickr / cc

 

Tags (Stichworte): ÖVSBBSozialverhaltenZugfahren

Kommentare

  1. Von Skydiver am Sonntag, 07.02.2010 „Der Tolle ist der Rücksichtsvolle“ ist ein schattenboxendes Scheingefecht, lieber Herr Jordi, und führt als gutschweizerische Rückzugs-Attitüde geradewegs ins Volldesaster. Das haben wir jetzt allenthalben auch auf der weltpolitischen Bühne gelernt. Im Zug ist das nicht anders. Da tobt der subtile oder auch brachiale Kampf um Komfort und Sitzplatz – wer da nicht an vorderster Front mitmischt, der kriegt stehenderweise zwischen Genf und Romanshorn eine ausgeprägte Beinmuskulatur. Oder er schrumpft ein, dauergequetscht durch ignorante raumbeanspruchende Mitreisende.

    Ich bin eher schlank, höflich und auf Fairness bedacht – ganz schlechte Voraussetzungen, um im Zug nicht wie eine Presswurst reisen zu müssen. Deshalb habe ich mir eine Geheimwaffe angelacht, um auch mit der Bahn komfortabel von A nach B zu kommen: Zugreisen grundsätzlich nur mit meiner Schwiegermutter. (Nein, nicht das übliche Klischee jetzt, wir mögen uns, nutzen aber naturgegebene Vorteile.) Sie ist gross, in jeder Dimension von eindrücklicher Gestalt, sie ist laut, zudem hat sie den Biss und die gesunde Aggressivität, die weder ignoriert noch weggeschwiegen werden können.

    Der Vorteil beginnt schon bei der Platzsuche. Pflügt sie sich wild entschlossen durch die Gänge, komme ich in ihrem Windschatten in Rekordzeit voran. Lässt sie sich aus Standhöhe auf einen freien Sitzplatz fallen, ohne unnötige Fragen im Vorfeld, kommt nur schon durch ihre beeindruckende Physis neue Bewegung ins Abteil. Verwickelt sie Umsitzende lautstark in Reflexionen zur politischen Weltlage oder auch mal zu Betrachtungen über die Zusammensetzung der Gartenzwerge in ihrem Schrebergarten, leert sich das Abteil ganz schnell wie von Zauberhand. Bahn frei für mich, Sitz frei für mich! Mit territorialen Ansprüchen und Forderungen vorbeiziehender Fahrgäste ist nicht zu rechnen, ein Blick von ihr und ihre stets lauernde Gesprächsbereitschaft genügen, um die Attraktivität von Stehplätzen in genügender Entfernung als das Mass aller erstrebenswerten Dinge erscheinen zu lassen.

    Im Ergebnis: Aus dem defensiven „Der Tolle ist der Rücksichtsvolle“ wird wieder „Der fröhliche Kluge reist im leeren Zuge“. Gut, nicht jeder hat eine so tolle Schwiegermutter wie ich, schon klar. Letztlich geht es aber nur um eine Beobachtung und um einen kopierbaren Lerneffekt. Und: Ich würde Ihnen, Herr Jordi, meine Schwiegermutter ab und an ausleihen, wenn Not am Sitzplatz ist. Anruf genügt, und wir stimmen unsere Fahrpläne aufeinander ab. Allerdings: Etwas Eile ist geboten, weil ich aufgrund der herausragenden Wirkung meine Schwiegermutter demnächst aufs Parkett der aussenpolitischen Bühne hieven werde. Da gibt’s im Moment auch viele „tolle Rücksichtsvolle“, die etwas unglücklich agieren und jede Chance verspielen, unserem Land einen Sitzplatz zu erkämpfen, auf dem es sich eine Weile unangefochten reisen lässt.
  2. Von Jordi am Montag, 08.02.2010 Ihre Strategie imponiert mir, lieber Skydiver! Auf Ihr zuvorkommendes Angebot möchte ich dennoch lieber verzichten. Nichts gegen Ihre Schwiegermutter, aber ich habe ein bisschen das Gefühl, dass ich zwar den ungewohnten Freiraum im Zug durchaus wertschätzen, mir aber der Konversationsstil Ihrer Begleiterin auf Ohren und Gemüt schlagen würde. Denn nicht nur habe ich gerne Platz im Zug, sondern auch meine Ruhe.
  3. Von Slartybart am Mittwoch, 10.02.2010 Lieber Herr Jordi
    Eigentlich geht's mir wie Ihnen, ich schätze die Ruhe, im Zug und anderswo. Wobei, also mindestens ein Ohr voll Schwiegermutter würde ich mir ganz gerne anhören, rein des Unterhaltungswertes wegen. Und vielleicht auch stiller Teilhaber eines Machtkampfes Ignoranz gegen Penetranz werden, denn mit dem ausladenden Verhalten einiger Reisender habe ich auch meine liebe Mühe. Nur siegt dann leider oft der Gutmensch und die Courage wird von der eigenen Feigheit aufgefressen - De gschiider git nah und pflegt seine Wadenkrämpfe.
  4. Von Malven am Mittwoch, 10.02.2010 Ich habe Ihnen zwar kein grosszügiges Angebot, noch wird Ihnen meine Strategie imponieren, Herr Jordi, doch ich kann hier nur weitergeben, was ich selbst schon erprobt habe: Weiten und vergrössern Sie Ihre Aura. Sie könnten damit Ihr persönliches Glück auch in alle Bereiche des öffentliches Lebens ausdehnen.

    Oder wie wäre es mit den Büchern des Dalai Lama, dem Weg zu Mitgefühl und Gelassenheit?

    Ich hätte da auch noch ein nettes Spiel für Sie: Mobilisieren Sie Ihre ganze Vorstellungskraft und Neugier, und stellen Sie sich das nächste mal im überfüllten Zug einmal vor, Sie wären der Dalai Lama! Solche Spielereien können Spass machen!
    Dazu kann ich sagen, dass ich mit entsprechender Bewusstseinshaltung (aber ohne, es gesucht zu haben) einmal ein grossartiges Flirterlebnis am Feierabend zwischen Zürich und Baden erfahren durfte!
    Ich wünsche Ihnen viel Spass bei dem Spiel!
  5. Von LustigeFrau am Donnerstag, 11.02.2010 Herr Jordi, ich rate Ihnen ebenfalls zu einem Versuch: Nehmen Sie ab und zu das Auto, um zur Arbeit zu fahren (1x pro Quartal reicht völlig). Sie können sich auch bloss vorstellen, Sie wären im Auto unterwegs, das funktioniert fast genau so gut. -- Ich jedenfalls nehme danach immer gerne wieder den Zug. Mitsamt den Mitreisenden.
  6. Von Andreas am Mittwoch, 17.02.2010 Skydiver: gut gedacht und geschrieben!
    LustigeFrau: hat wohl recht.
    Malven: ja Herr Jordi, versuchen Sie's doch, mal was neues - tut gut.

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