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Tagesgespräch

Markus Kellenberger | Donnerstag, 18.02.2010

Schweizerinnen und Schweizer sind ein ganz besonderes Volk. Eines, dem es im Vergleich mit vielen andern "huere guet" geht. Trotzdem löst die simple Frage, wie geht’s, meist folgende Antworten aus:

• "Es ist zu kalt!"
• "Es ist zu heiss!"
• "Es war noch nie so schlimm!"
• "Es geht so…!"
• "Immer dieser Nebel!"
• "Immer dieser Regen!"
• "Immer diese Bise!"
• "Früher war alles besser!"
• "Diese Jugend von heute!"
• "Der Winter hört nie auf!"
• "Der Winter ist viel zu kurz!"
• "Ich bin so müde!"
• "Dieser Stress!"
• "Bei uns läufts immer schlechter!"
• "Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht!"

 
Ich denke mir dann: Mir geht es blendend. Aber aus Rücksicht auf meine Mitmenschen sage ich dann: "Jo! Bei mir auch!"

Was machen wir falsch?

Fotos: MichaelBerenz / flickr / cc, pedrosimoes7 / flickr / cc

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Kommentare

  1. Von LustigeFrau am Freitag, 19.02.2010 Warum genau stellen Sie denn exakt diese Frage immer wieder? Fragen Sie das Gegenüber doch mal, woran es gerade arbeitet oder wofür es sich im Moment besonders engagiert. Darauf werden Sie eher eine "schöne" Antwort erhalten.
  2. Von kellenberger am Freitag, 19.02.2010 Nun, weil ich manchmal einfach freundlich sein möchte - und gern eine freundliche Antwort hätte. Nicht im Stile der Amerikaner ("So fine!!!!!!!!!"), sondern einfach eine freundliche Antwort, die auch ein freundliches Gespräch ermöglicht und nicht gleich nach einer Depressions-Krisenintervention schreit.
    Auf "hei, wie gehts", kann man doch problemlos mit "gut, habe eine interessante Aufgabe" antworten. Also: Wo liegt das Problem?
  3. Von Skydiver am Freitag, 26.02.2010 Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass wir etwas mehr zu verlieren haben als andere. Und die Angst zu verlieren ist grösser, als die Freude, dieses Mehr zu geniessen, solange es anhält.
  4. Von Malven am Samstag, 27.02.2010 Ich glaube, das sind alles nur vorgeschobene Antworten für ein Gefühl, dass ihnen etwas Inneres etwas fehlt. Vielen Menschen fehlt ganz einfach die Lebensfreude, auch wenn sie alles haben. Sie haben keinen Zugang mehr zum Wesentlichen, fühlen sich unbewusst oder bewusst abgetrennt davon...obwohl wir doch alle ach so verbunden sind miteinander.
  5. Von walnuss am Sonntag, 28.02.2010 Der Mensch ist ein Rudel-Tier. Erwiesenermassen. Anpassung ist ihm gegeben.
    Der Mensch auch hat dieses gewisse Ich-Bewusstsein.
    Ich vermute, genau dieses hindert ihn dann vielleicht in solchen Situationen, das zu sagen, was er wirklich denkt. Lieber sagt er das, was alle sagen, in der Eile und dem "unpersönlichen" Small-Talk.
    Das Allgemeine. So ist es im Kopf gespeichert.
    Wäre dieses Ich-Bewusstsein nicht da, würden wir vermutlich auch keine Überlegungen darüber anstellen, was das Gegenüber von uns denkt und deshalb ohne Umschweife sagen, was wir wirklich denken. Das Richtige wohl. Wir leben mit diesem Bewusstsein und sind auch hinsichtlich geprägt. Also.
    Aber natürlich ist in der Schnelle das Allgemeine auch das jene, welches uns nicht aus der Bahn wirft.
    Ich vermute daher, dass wir, die hier leben, in dieser Schweiz mit allem was dazugehört, aus lauter "Langeweile" so -Meckerer- geworden sind.
    Der Krieg hat uns verschont -gut zu wissen- ein wenig gestreift, den Hunger haben wir mit gestärkter Eidgenossenschaft bewältigt. Die Berge haben uns vor Fluten und anderen Ungezeiten verschont (und tun es noch....) und als Draufgabe den "Fön" geliefert, der Schuldige jeder körperlichen Misslage. Nicht der Wohlstand trägt daran Schuld, sondern unser fehlender Mut, das Glück und die Verbohrtheit, nichts aus dem zu machen, was uns gegeben ist, ausser noch mehr Sicherheit und Versteckspiel. Uns fehlt vielleicht einfach der Mut zu mehr...
  6. Von walnuss am Sonntag, 28.02.2010 Kleiner Anhang...
    Nicht der Wohlstand, sondern unser fehlender Mut und die Verbohrtheit, nichts aus dem Glück zu machen, welches uns gegeben ist,
    ausser noch mehr Sicherheit und Versteckspiel.
    Uns fehlt einfach der Mut zu mehr...
  7. Von kellenberger am Montag, 01.03.2010 Mut! Ja! Mut ist ein gutes Stichwort. Hätten wir mehr davon (und vielleicht ein Quentchen Selbstvertrauen), würden wir vielleicht öfters einfach die Wahrheit sagen. Die könnte dann so tönen: Mir gehts saumässig gut. Oder: Mir gehts gut - aber Du siehst zum k..... aus. Oder: Mir gehts so miserabel - ich geh nach Haus. Oder: Lass mich in Ruh. Oder: Ich möchte Dich küssen.
    Wär die Welt dann besser? Vielleicht! Aber möglicherweise nicht viel freundlicher.
  8. Von Tombo am Dienstag, 02.03.2010 Wie geht's? ist häufig Smalltalk und will auch als solcher beantwortet werden. Wenn man dieser Wertung durch eine entsprechende Begleitgestik entrinnen will, kriegt man ab und zu deutlich zu spüren, dass solche Fragen schnell einmal als Übergriff in die persönliche Sphäre gewertet werden.Ich hätte es auch gerne anders. Aber, wer wirklich ehrlich ist, schockt sein Gegenüber zuweilen gewaltig. Kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Im Aufzug eines Verwaltungsgebäudes erlaubte ich mir als Überkleidträger, einen Krawattenträger vor lauter Peinlichkeit der Stille diese Frage zu stellen. Er räusperte sich kurz und fand dann trocken, «eigentlich geht Sie das nichts an». Stille und Peinlichkeit stiegen schneller als der Lift, mindestens in meinem Empfinden. Ich habe ihn gehasst, weil er mich geohrfeigt hat, aber die Bewunderung ist geblieben: Eine so ehrliche Antwort habe ich bis heute nie mehr erhalten.
  9. Von Malven am Dienstag, 02.03.2010 Ich kenne jemanden, der fragt gerne: Ca va? Die Antwort darauf ist klar: Ca va!
  10. Von rodek am Dienstag, 02.03.2010 Packen wir das ganze doch anders an. Und fragen nur, wenn die antwort wirklich auch interessiert. Dann sich zeit nehmen und einfach mal zuhören. Und sich nachher darüber freuen, dass man gerade etwas wesentliches, wichtiges und ehrliches über den anderen erfahren hat. Alles andere ist doch eh heuchelei!
  11. Von kellenberger am Dienstag, 02.03.2010 Heuchelei? Da gibt es noch ganz andere Orte. In der Kirche zum Beispiel. Möchte nicht wissen, was sich dort an einer Predigt so alles versammelt.

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